Dunkle Wolken über Schloss Eckartsau

Eigentlich wollte ich gar nicht aufstehen. Sonntagmorgen, ein freier Sonntagmorgen, und Regentropfen klopfen ans Fenster. Sie müssen zu tausend unterwegs sein, ich kuschle mich ins Bettzeug und wälze mich von links nach rechts und zurück.

Als normalerweise notorische Frühaufsteherin kann ich trotz des herrlich scheußlichen Wetters nicht länger liegen bleiben. So schlapfe ich in die Küche, in der Hoffnung heute hätte jemand schon vor mir meinen Kaffee zubereitet. Die Enttäuschung ist wie jeden Tag die gleiche und während ich noch schlaftrunken meine Utensilien für den ersten Kaffee zusammensuche, ertönt hinter mir ein fröhliches: „Guten Morgen mein Schatz, was machen wir heute?“

Verdammt, wie kann man so munter sein?

Ich deute missmutig und wortkarg, ja auch solche Momente gibt es, vorallem vor dem ersten Kaffee, Richtung Fenster. Was bitte sollten wir heute schon großartiges machen?

Ich beobachte argwöhnisch die braune Brühe, die sich in mein Kaffeehäferl ergießt, als aus dem Wohnzimmer ein Ruf erhalt, der anscheinend mir gilt.

„Schatz, kennst Du Schloss Eckartsau?“

„Da war ich mal vor vielen Jahren, damals noch mit dem Setra, aber sonst nie wieder. Und da auch nur am Busparkplatz“, ich klammere mich an mein Kaffeehäferl, als würde ich ohne es in der Hand zu halten einfach umkippen.

Damals mit dem Setra, klingt immer so alt, so uralt, obwohl es sicher nicht mehr als zehn Jahre sind. Das Damals und das Heute. Es war jene Zeit, als ich als Reisebuslenkerin das Buslenkrad noch fest umschlungen hielt und alle Touren, die mir vorgelegt wurden, freudestrahlend entgegen nahm.

„Gut, dann können wir ja Damals wieder aufleben lassen“, mein Freund holt mich aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Eine knappe Stunde später biegen wir in den Parkplatz vor der Schlossmauer.

Eigentlich wollte ich heute das Haus gar nicht verlassen. Schon gar nicht für ein Schloss, derer ich in meinem Job schon genug gesehen habe. Seit wann ist meine zweite Hälfte so für Geschichte? Regentropfen streichen sanft über mein Haar. Eh nur wenige und ganz, ganz leichte Tröpfchen, aber für Frau Renate heute eindeutig zu viele.

Hinter einer recht düster wirkenden Allee eröffnet sich ein Anblick auf ein, in gelb gehaltenes Schloss, dass trotz des bedrohlich wirkenden Himmels den Besucher freundlich empfängt. Dass genau diese  dramatische Wolkenstimmung die Geschichte des Hauses unterstreichen wird, wird mir erst einige Tage später so richtig bewusst werden. Erst zu jenem seltenen Zeitpunkt, wenn ich nochmals über die Geschichte und das Schloss Eckartsau nachdenken werde.

In dem kleinen Café stärken wir uns noch schnell mit einem Espresso und einer herrlichen Mehlspeise. Wenigstens deswegen hat sich der Ausflug schon gelohnt, sinniert mein innerer Schweinehund vor sich hin, der heute genauso gelangweilt wirkt wie ich.

Frau Manuela holt die Gruppe zur Führung. Schon der erste Kontakt radiert ein paar dunkle Wolken aus meinem Gedächtnis, es dauert nicht lange und die missmutigen Gesichtsausdrücke der Zuhörer sind verschwunden. Spätestens in diesem herrlichen Festsaal bringt uns Frau Manuela zum Lachen und Nachdenken. Eine Feier in diesem ehrwürdigen Ambiente wäre ein Traum, der jeder Frau gefallen könnte. Ich bin hin und weg. Die Regendepression ist plötzlich verflogen und die Neugierde an der Geschichte des Hauses geweckt.

Mein Gott, wie schön ist es hier. Wie liebevoll gepflegt, kein Flankerl Staub am falschen Fleck, sowie ich in einigen anderen Schlössern schon massenweise gesehen habe.

Die Erzählweise von Frau Manuela lässt die alte Zeit wieder aufleben und fast sehe ich die honorigen Persönlichkeiten persönlich neben mir stehen. Die in jedem Raum passenden Fotos geben uns zu den vielen Namen Gesichter. Tolle Idee.

Höre ich nicht die Kutschen kommen, die den Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II ankündigen? Sein Bett ist auf alle Fälle gerichtet und als fürsorgliches Frauenzimmer würde ich am liebsten die Wärmeflasche mit heißem Wasser füllen, immerhin herrschen draußen kühle Temperaturen. Kaum des Sommerdatums gerecht.

 

Weiter führt uns die Reise durch kleine und große Räume. Alle liebevoll eingerichtet, kein Kitsch, sondern einfach Geschichte. Die Anekdoten und Zeitzeugenberichte, die Frau Manuela gekonnt erzählt, lassen tiefe Einblicke in längst vergangene Tage zu.

Nicht nur die heutige Zeit, in Form von Hochzeiten, verleiht diesem Schloss einen besonderen Glanz. Nein, seine ganz eigene Geschichte, der Untergang der Donaumonarchie, der hier besiegelt wurde, hält uns gebannt in Atem.<span style="font-size:11.0pt;line-height:115%; font-family:" calibri","sans-serif";""="" "times="" new="" roman";""="" minor-latin;times="" roman";="" "="">

Schloss Eckartsau wird letzter Wohnsitz Karl I und seiner Familie. Fast hat es den Anschein, als hätte hier die kaiserliche Familie gerade das Abendessen verlassen, wäre zum letzten Gottesdienst aufgebrochen um danach endgültig der Heimat den Rücken zuzukehren.

Frau Manuela ist am Ende ihrer Ausführungen und die von Beginn an aufgebaute Sonnenstimmung wird wieder von düsteren Wolken unterdrückt. Das Wetter besiegelt die letzten Worte:

„Am 23. März 1919 bestiegen Karl und Zita, die Kinder und weitere Personen des Gefolges den Zug Richtung Schweiz, die sich nach langen Verhandlungen bereit erklärt hatte, den Exkaiser aufzunehmen.“

Fast wortlos und nach Luft ringend verteilen sich die interessierten Gäste. Die einen hetzen durch die Regentropfen zum Auto, die anderen schauen noch kurz in den Shop. Ein wagemutiges Ehepaar möchte noch eine Runde im Park drehen, während sich eine Dame in ein, anscheinend schon öfters gebrauchtes Taschentuch schnäuzt. Ist es die Tragik, die diese Wände hinter sich beherbergen und die uns gerade bewusst geworden ist, oder einfach nur eine aufstrebende Verkühlung, die der Regentag mit sich brachte?

„War eine gute Idee“, hauche ich mit meiner zweiten Hälfte ins Ohr, während wir zum Auto marschieren.

Einmal drehe ich mich noch um. Ein letzter Blick. Aber kein wehmütiger Blick wie damals bei der Kaiserfamilie, sondern ein bewundernder und ein wissender: Ich kann jederzeit wieder kommen.

Besuch von lichtkroko am Sonntag, 22.08.2016

Text: Renate Stigler

Fotos: lichtkroko, www.lichtkroko.eu

Infos für Gruppenbesuche: CÄSAR Bus- und Personenbeförderungs Gmbh, www.bustiger.eu

Mit freundlicher Genehmigung und Unterstützung Schloss Eckartsau