Damals, ohne Strom und WLAN - Museumsdorf Niedersulz

Ich trommle nervös auf das Lenkrad. Das darf doch nicht wahr sein. Gestern war ein strahlend sonniger Tag, dass wir uns fast einen Sonnenbrand geholt haben und heute ist die kurzfristige Sommerzeit schon wieder vorbei. Je weiter wir ins Weinviertel eintauchen, desto dunkler und bedrohlicher werden die Wolken.

Wäre es nicht der dritte Anlauf das Museumsdorf Niedersulz zu besuchen, wäre ich beim Kreisverkehr wieder nach Wien gefahren. Wir haben keine Wahl, wartet bereits Frau Dr. Martin auf uns. Außerdem wird heute die neugestaltete Ausstellung „Evangelisch im Weinviertel“ in der Lutherischen Kapelle aus Niederfellabrunn feierlich eröffnet. Irgendwie beruhigt mich der Anblick des Busses auf einem der vielen Busparkplätze gleich neben dem – zugegeben, etwas gewöhnungsbedürftigen – modernen Museumszugang. Werden wir also nicht alleine nass in dem rund 22 ha großen Areal. Warum es mich beruhigt fragt ihr mich? Ehrlich? Keine Ahnung, aber für mich als Buslady strahlen Busse eine gewisse Ruhe und Geborgenheit aus.

Betreten wir gemeinsam das barrierefreie Museum. Kommt mit auf eine Zeitreise. Sollte in der Gruppe jemand im Rollstuhl dabei sein, könnt ihr dies an der Kassa mitteilen. Dann besteht die Möglichkeit das Areal von oben nach unten zu erkunden und beim ehemaligen Ein- bzw. Ausgang das Gelände zu verlassen.

Seid ihr uns gefolgt?

Herzlich willkommen!

 

Ich habe ein Marienkäferl gefunden und singe ihm das Lied „Marienkäfer, Marienkäfer, flieg nach Mariabrunn, bring uns heut oder morgn a schöne sunn!“ vor. Wobei ich auf heute, oder eigentlich auf JETZT wert lege. SOFORT!

Meine, mir anvertraute zweite Hälfte meint zwar, ich vertreibe mit meinem Gejaule das Käferl auf Nimmer-Wiedersehen. Lassen wir uns überraschen. Die Hoffnung stirbt zuletzt und man sollte sich nicht immer vom schlechten Wetterbericht abhalten lassen.

Kontinuierlich wuchs das Dorf im Laufe der Jahrzehnte Hof um Hof, bis eine typische Dorfzeile entlang des Sulzbaches entstanden war. Nach und nach formierten sich so Handwerkerhäuser, Stadeln, eine Mühle, ein Dorfwirtshaus, eine Volksschule und eine Kellergasse mit zahlreichen Presshäusern und Keller zum heutigen Museumsdorf.

Ich persönlich finde den Begriff „Museum“ hier nicht richtig gewählt, denn mittlerweile ist ein komplettes Dorf entstanden. In fast jedes Haus darf der Besucher eintreten und ich ertappe mich immer wieder vor Ehrfurcht zu erstarren. Durch die liebevolle Einrichtung und die unzähligen Details habe ich oft das Gefühl tatsächlich die Privatsphäre der Dorfbewohner zu erforschen.

Es scheint, als wäre Opa gerade zur Toilette, deren es mehrere im ganzen Dorf gibt…

Während im Nebenzimmer Oma auf die Nachbarinnen zum Nachmittagsplausch wartet. Kurz ertappe ich mich, die Sachertorte anschneiden zu wollen.

Alle Tore und Türen stehen einladend offen und heißen den Besucher herzlich willkommen.

Hier ist es wie bei meinen Großeltern damals am Land, da standen auch alle Türen der Häuser offen und jeder war willkommen. Gut, vielleicht nicht jeder, aber viele. Man hatte einfach keine Geheimnisse.

Wer, sowie ich, kein Freund vom Lesen der Beschreibungstaferl ist, auch wenn diese in vier Sprachen (Deutsch, Englisch, Tschechisch und Slowakisch) angeschrieben sind, sondern auf Persönlichkeit wert legt, freut sich über das große Angebot von Führungen. Speziell für  Gruppen   gibt es eine Unmenge an Angeboten. Übrigens bei Voranmeldung gerne auch in Englisch.

Kinder haben im Museumsdorf bis 18 Jahre freien Eintritt. Für Schulklassen werden sehr lehrreiche Führungen und Aktivitäten wie z.b. Butter stampfen, Ziegel schlagen und mehr angeboten. Für Großstadtkinder ein besonderer Berührungspunkt mit einer nicht digitalen Welt. Rosa und Mitzi könnt ihr auch Hallo sagen. Wer die beiden sind?

Zwei der ehemaligen "Ja natürlich"-Schweinderln aus der beliebten Fernsehwerbung, die sich hier am Lebenden Bauernhof im wahrsten Sinne des Wortes sau-wohl fühlen.

Ja, das war eines der kleinen Ferkel, die mit dem Bauer sprechen. So groß wird man mit Bio-Futter und guter Haltung.

Wir ziehen weiter, ehe mein Schatz noch ausrechnet, wie viele Schnitzel aus einer Sau gemacht werden. Apropos Mathematik.

Auch Samir, ihr kennt doch unser Maskottchen, drückt brav die Schulbank …

… sowie es damals war. Ohne Strom, WLAN und Dr. Google! Einfach mit Griffel, Schiefertafel und einem Fetzen zum Wischen und wieder neu schreiben. „Samir ist ein braver Schüler“, hat der Herr Lehrer gesagt, ehe er in den Schulgarten abgezogen ist, um für sein Mittagessen die passenden Kräuter zu holen. Ob er in den Jungen- oder in den Mädchengarten gehen wird? Den Unterschied hört ihr bei einer persönlichen Führung im Museumsdorf Niedersulz.

Und nachdem man kleine Tiger nicht loben soll, hat unser Schlingel seine Deutschstunde in die Kellergasse verlegt. Er hat gemeint, was er liest ist ja egal, und wenn es in der Vinothek die Weinkarte und die Geschichte der Weinviertler Weinkultur ist.

Wir wollten Samir nicht alleine lassen, und haben uns ebenfalls eine Pause in einem der Weinkeller, der am Wochenende und Feiertag von 13.00-18.00 geöffnet ist, gegönnt. In der Museumsvinothek, die von Winzern aus der Umgebung betrieben wird, fällt die Wahl zwischen rot, weiß und rosé sehr schwer. Dazu gibt es hausgemachten Sirup, entweder antialkoholisch oder als Spritzer. Gegen den Hunger sorgen belegte Brote und Mehlspeisen.

Dann mal Prost auf unseren braven Schüler. Für Reisegruppen ist es hier ein nettes Plätzchen für das berühmte Fluchtachterl nach einer ausgiebigen Führung. Manchmal werden es dann auch mehr Achterl. Kein Problem, nicht vergessen, der Bus darf euch am unteren Museums-, bzw. Dorfende abholen. Dann habt ihr nicht soweit!

Normalerweise wären feste Schuhe ein wichtiger Hinweis. Nur einmal dürft ihr gerne in Stöckelschuhen antanzen, nämlich zur eigenen Hochzeit. Nachdem unter den rund 80 Gebäuden vier Kapellen im Dorf stehen, der Standesbeamte gerne vorbei kommt und es ein unglaublich schönes Ambiente ist, spricht hier nichts gegen ein zärtlich gehauchtes „JA“. Ich meine, ihr könnt es auch schreien, gibt es rundherum ohnehin rund 600 Obstbäume, die den Hall dämpfen.

Nicht nur die vielen Obstbäume, die rund 400 unterschiedliche, alte Obstsorten tragen, sondern die wunderschön gepflegten Vorgärten der Häuser bezaubern Pflanzenliebhaber aus aller Welt.

Wo sind die guten alten Zeiten? Damals, als die Menschen weniger Zeit am Computer verbrachten, dafür sich mehr in freier und frischer Natur bewegten. Schön anzuschauen, gell? Da geht einem das Herz auf. Stellt euch Dörfer und Städte vor, die von solchen Gärten in ein buntes Farbenspiel getaucht werden.

Endlich! In einem der Häuser finde ich meine letztens vergessenen Besen. Als Hexe Oktavia, zu welcher ich einst ernannt wurde, war ich natürlich in der Walpurgisnacht auf Achse. Tja, sagen wir mal so, der Weinviertler Wein dürfte seine Spuren hinterlassen haben. Nun gut, ich beschließe die beiden Abtrünnigen hier stehen zu lassen und wieder mit dem Auto nachhause zu fahren. Die passen ins Museum und vielleicht besucht ihr sie ja einmal?

Die Gewitterfront zieht durch die Landschaft. Der kleine Marienkäfer hat alle Hände oder Flügel voll zu tun. Donnergrollen dringt zu uns durch und dunkle Wolken schieben sich vor die Sonne, werden aber vom Käferl wieder verschoben. Es ist ein ewiges Auf und Ab mit dem Wetter, jedoch bleibt uns der Regen erspart. Im Gegenteil, die Sonne begleitet uns einige Zeit von unseren gesamt sieben Stunden Aufenthalt. Ja, richtig gelesen! Hier kann man einen ganzen Tag verbringen. Es gibt soviel zu entdecken.

Jetzt habe ich Hunger. Nachdem die Dame des Hauses gerade unterwegs sein dürfte, versucht sich mein Schatz als Koch. Nur was macht er da?

Irgendwie kommt er mit den alten Küchengeräten nicht ganz zurecht. Er erinnert mich eher an Miraculix von Asterix, als einen Koch. So bevorzuge ich die Einkehr ins Dorfgasthaus. Schatz, bitte nicht böse sein!

Ich freue mich, dass hier ein Kellner mit einem Lächeln im Gesicht meine Bestellung entgegennimmt. Wir waren heute rasch an der Autobahn bei einer berühmten Fastfoodkette frühstücken. Ich habe geschlagene zehn Minuten für die Bestellung am Computerterminal gebraucht und dann auf meine Nummer gestarrt, bis diese endlich aufgerufen wurde. War spannend wie beim Lotto. Ach, ist es hier herrlich ein Gegenüber aus Fleisch und Blut zu haben. Noch mehr genieße ich die Freundlichkeit und das perfekte Service!

Gut war es und gestärkt ziehen wir in der frühen Nachmittagssonne weiter. Mein Marienkäferl hat gute Arbeit geleistet. Also ist mein Gesang gar nicht so schlecht, vielleicht sollte ich mich nächstes Jahr bei DSDS bewerben?

Ihr wisst schon, dass wir sieben Stunden hier verbrachten.  Dennoch waren wir nicht in jedem Haus und haben sicher nicht in jeden Raum einen Blick geworfen. Lustig muss eine Geburtstagsfeier im Dorf sein. Vorallem Kindergeburtstage unter dem Motto „ein ganzes Dorf für Dich und Deine Freunde“ werden sehr gerne gebucht. Beim gemeinsamen Wäschewaschen mit Waschrumpel und selbst gebastelter Seife darf nach Herzenslust geplantscht werden. Infos zu Veranstaltungen und Möglichkeiten findet ihr auf der Homepage vom Museumsdorf Niedersulz.

Wer meinen Franz schon einmal persönlich getroffen hat, weiß, dass er einen Kopf größer ist als ich. Manchmal beneide ich ihn um die paar Zentimeter, wenn ich etwas aus den oberen Kastenabteilen benötige. Aber heute war ich froh…

Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. Immerhin leben wir heute im Jahr 2017 und nicht damals um 1900, zu einer Zeit wo die Menschen noch viel kleiner waren.

Auch im Bett hätte mein Schatz mit seiner Länge keinen Platz gefunden. Dafür hat es sich jemand anderes gerade bequem gemacht…

„Samir, kommst Du bitte?“, das darf doch nicht wahr sein, macht er gleich einmal auf gemütlich.

Bei einer persönlichen Führung dürft ihr, genauso wie wir heute, einmal hinter die wenigen Absperrungen schauen und den Geist der alten Zeit in Euch aufnehmen. Ein herrlicher Duft. Ich bin ein hektischer Mensch, geprägt von der modernen Zeit, also ständig mit Handy in der Hand oder am Computer sitzend. Heute durfte ich eine besondere Zeitreise begehen. Ich habe mich selbst ertappt, dass ich lediglich einmal meine Mails gecheckt habe. Normalerweise tue ich das alle 5-10 Minuten.

Es ist so schön und ruhig hier. Richtig chillig auf neudeutsch. Durch die liebevollen Details habe ich vergessen, dass ich mich hier nicht in einem echten Dorf bewege, sondern in einem Museum. Schöne Holzbankerl laden auch zum Verweilen ein und so mancher Gast nutzt diese für ein kurzes Powernapping.

Es gibt noch unendlich viel zu entdeckten, wie z.b. ab 20.05.2017 die Greißlerei im Poysdorfer Wirtshaus.

„Wie war das damals – Alltag im Dorf“, unter diesem Motto gibt es immer wieder spezielle Termine und Vorträge. Schaut vorbei. Highlights sind im Sommer das Kinderferienspiel und der Südmährer Kirtag. Im September trefft ihr uns sicher wieder beim großen Natur im Garten – Fest mit Pflanzen- und Handwerksmarkt.

Wenn ihr jetzt denkt, ich zeige euch noch weitere Fotos und Eindrücke, dann muss ich euch enttäuschen. Denn alle noch so schönen Fotos können dieses herrliche Dorf und die persönlichen Erlebnisse nicht im Geringsten beschreiben. Bis zum ersten November könnt ihr täglich vorbeischauen, mit der NÖ-Card dürft ihr einmal in der Saison gratis eintreten und mit dem Linienbus ab Floridsdorf habt ihr zu jeder Jahreszeit eine schöne Anreise durch das Weinviertel. Natürlich stellen auch wir gerne einen Bus zur Verfügung.

Kaum vorstellbar, wie damals gelebt wurde. Ob die Menschen, trotz der körperlich schweren Arbeit, glücklicher und ruhiger waren? Während wir heute einsam in den Computer starren und mit unseren virtuellen Freunden chatten, trafen sich die Dorfbewohner im Dorfwirtshaus. Hier ging es dann schon mal heftig her, während wir uns heute über die Tastatur beschimpfen.

Am nächsten Tag, wenn der Rausch ausgeschlafen war, vertrug man sich wieder und war wieder für den Nachbarn und die Freunde da. Die Tore standen offen, herzlich empfangen wurde jeder.

Mittlerweile ist auch die Eröffnung der neuen Ausstellung „Evangelisch im Weinviertel“ über die Bühne gegangen und das Gewitter noch immer nicht ganz sicher, ob es nun kommt oder nicht. Es ist an der Zeit zu gehen, wir kehren dem Bibelgarten genauso den Rücken wie der Streuobstwiese.

Wir winken nochmals den Schweinchen, zwinkern den Ziegen zu und grüßen höflich die beiden Esel. Ein letzter Blick zurück, durch das Drehkreuz gedreht und ein kleiner Einkauf im Museumsshop, der neben Souvenirs auch regionale Produkte anbietet.

Wir verlassen das Weinviertel und sind in Gedanken in der guten, alten Zeit hängen geblieben.

So ruhig und schön es damals war, so offen und hilfreich die Menschen miteinander umgegangen sind, so hart die Arbeit war und dennoch die gemeinsamen Stunden genossen wurden, so gerne fahren wir wieder in unsere Großstadtanonymität.

Irgendwann braucht jeder seine persönliche Privatsphäre. Das war damals nicht anders als heute…

… und jetzt „Türe zu“.

 

Interessenten aus dem In- und Ausland wenden sich direkt an Museumsdorf Niedersulz, 2224 Niedersulz 250, Tel. Nr. 0043 (0) 2534 333, info@museumsdorf.at, www.museumsdorf.at

 

Bus-parkplatz Einkaufs-möglichkeit Stufen barrierefrei Behinderten-WC Gastronomie Hunde Voucher Fremdsprachen
ja Souvenir, regionale Produkte ja/Lift ja ja ja ja ja englisch, Beschilderung auf D/E/CZ/Slowakisch

 

Ideen für Gruppenreisen mit einem Baustein-System findet ihr bei unserer individuellen Gruppenreise

Zur Planung Ihrer Gruppenreise steht Ihnen auch gerne CÄSAR Bus- und Personenbeförderungs Gmbh zur Verfügung, office@bustiger.eu, www.bustiger.eu

 

Besuch von lichtkroko, Sonntag, 07.05.2017. Mit freundlicher Fotogenehmigung von Frau Dr. Freya Martin/Museumsdorf Niedersulz. Text: Renate Stigler, Fotos: lichtkroko, www.lichtkroko.eu

 

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